Vom Berichten zum Steuern: Wie Finanzinstitute ihre Portfolioemissionen im Underwriting und Investment Management beeinflussen können

Vom Berichten zum Steuern: Wie Finanzinstitute ihre Portfolioemissionen im Underwriting und Investment Management beeinflussen können
Themenbild zur Verbindung von Finanzmärkten, Portfolioemissionen und realwirtschaftlicher Transition (KI-generiert)

Thema: Die vorliegende Masterthesis untersucht, wie Finanzinstitute die Entwicklung ihrer Portfolioemissionen, also Emissionen aus Finanzierungs-, Investment- und Underwriting-Aktivitäten, intern steuern können und welche Herausforderungen sich bei der Umsetzung ergeben. Ziel ist es, die zentralen Steuerungselemente systematisch herauszuarbeiten und in einem Referenzmodell zu verdichten. Dabei verbindet die Arbeit drei Perspektiven: die Steuerungshebel, mit denen Finanzinstitute Einfluss nehmen, die Kennzahlen, mit denen sie die Entwicklung beurteilen, sowie die methodischen, organisatorischen und regulatorischen Einflussfaktoren der Umsetzung.

Relevanz: Die globale Klimapolitik mit dem Pariser Abkommen und dem Netto-Null-Ziel bis 2050 erfordert einen umfassenden Umbau wirtschaftlicher Aktivitäten. Ob dieser Umbau gelingt, hängt jedoch nicht allein von der Dekarbonisierung der Realwirtschaft ab. Auch Finanzinstitute beeinflussen diese Entwicklung, indem sie Kredite vergeben, Investitionen tätigen und Risiken übernehmen. Dadurch rücken Portfolioemissionen zunehmend in den Fokus von Regulierung, Berichterstattung und Zielsetzung. In der Praxis stehen bislang vor allem Messung und Offenlegung im Vordergrund. Die entscheidende Frage bleibt jedoch offen: Wie lassen sich diese Emissionen nicht nur ausweisen, sondern auch steuern?

Ergebnisse: Portfolioemissionen werden durch Messung und Offenlegung allein noch nicht steuerbar. Zwischen berichteter Kennzahl und interner Steuerung liegt ein Übersetzungsschritt, in dem Klimaziele in Entscheidungsregeln, Verantwortlichkeiten und Steuerungsgrössen überführt werden müssen. Finanzinstitute setzen dafür drei Hebelfamilien ein: Restriktion und Selektion, Einflussnahme und Eskalation sowie Produkt- und Serviceentwicklung. Welcher Hebel passt, hängt davon ab, ob ein Sektor ausgeschlossen, auf seinem Transitionspfad begleitet oder gezielt unterstützt werden soll, wobei die Steuerung vorrangig bei den grössten Emissionstreibern ansetzen sollte. Beurteilt werden die Hebel über ein mehrstufiges Kennzahlensystem, in dem direkte Hebel primär über emissions- und expositionsbezogene Grössen, indirekte Hebel zusätzlich über aktivitäts-, fortschritts- und ausrichtungsbezogene Indikatoren abgebildet werden. Damit wird die Steuerung von Portfolioemissionen zu einer strategischen Gestaltungsaufgabe, bei der Zielkonflikte mit Wachstum, Rendite und Kundenbeziehungen bewusst entschieden werden müssen.

Implikationen für die Praxis:

  • Eine sinkende Portfolioemissionskennzahl bedeutet nicht automatisch Fortschritt. Vor jeder Interpretation braucht es eine Ursachenanalyse, die reale Dekarbonisierung von Portfolioumschichtungen und methodischen Effekten trennt.
  • Ausschlüsse sind keine Standardlösung. Bei emissionsintensiven, aber transitionsfähigen Sektoren erscheinen Engagement, unterstützende Produkte oder die Weiterführung einer Geschäftsbeziehung unter Auflagen angebrachter als ein pauschaler Rückzug.
  • Klimaziele werden erst steuerbar, wenn sie in die einzelne Finanzierungs-, Zeichnungs- oder Anlageentscheidung übersetzt werden. Dazu braucht es konkrete Kriterien, klare Zuständigkeiten und Eskalationswege sowie eine bewusste Abwägung gegenüber Wachstum, Rendite und Kundenbeziehungen. Auf eine perfekte Datenlage zu warten ist dabei keine Option; sinnvoller ist es, mit den verfügbaren Daten zu arbeiten und Verbesserungen dort zu priorisieren, wo hohe Emissionen, Geschäftsvolumen und Steuerungsmöglichkeiten zusammentreffen.
  • Das entwickelte Referenzmodell bietet einen Strukturierungsrahmen, der die Überführung strategischer Klimaziele in operative Steuerungsentscheidungen abbildet.

Methoden: Die Arbeit folgt einem qualitativen Forschungsdesign und kombiniert zwei Methoden. Eine Dokumentenanalyse der Nachhaltigkeitsberichte 2024 dreier Finanzinstitute aus den Bereichen Banken und (Rück-)Versicherungen zeigt, wie Klimaziele, Hebel, Kennzahlen und Governance-Strukturen nach aussen dargestellt werden. Ergänzend wurden fünf semi-strukturierte Expert:inneninterviews mit Fachpersonen aus den Bereichen Banken, Versicherungen, Asset Management und Beratung geführt, die Einblick in die interne Entscheidungspraxis sowie in Spannungsfelder und Grenzen geben. Beide Datenquellen wurden mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring (2022) in der Software MAXQDA codiert und entlang einer Gioia-ähnlichen Struktur verdichtet. Die Befunde wurden anschliessend zu einem Referenzmodell zusammengeführt.