Temporärarbeit im Spital – Eine qualitative Fallstudie zum Einsatz temporärer Pflegefachkräfte in Schweizer Spitälern
Thema: Die Master-Thesis untersucht den Einsatz temporärer Pflegefachkräfte in Schweizer Spitälern. Angesichts des anhaltenden Fachkräftemangels ist Temporärarbeit zu einer festen Grösse der Personalbeschaffung geworden – und zugleich Gegenstand starker Vorbehalte. Die Arbeit beschreibt und analysiert, unter welchen strukturellen Rahmenbedingungen temporäre Kräfte eingesetzt werden, wie die Zusammenarbeit mit dem Stammteam im Stationsalltag verläuft, welche Auswirkungen auf Versorgungsqualität und Wirtschaftlichkeit entstehen und wie stark sich tatsächliche Wirkung, subjektive Wahrnehmung und öffentliche Darstellung unterscheiden.
Relevanz: Bis 2040 fehlen in der Schweiz voraussichtlich rund 40'000 Pflegekräfte; schon heute wird ein Grossteil der Pflegestellen über Personaldienstleister ausgeschrieben. Temporärarbeit ist damit kein Randphänomen, sondern struktureller Bestandteil der Versorgung – und wird zugleich kontrovers diskutiert, wie der später zurückgezogene angekündigte Verzicht mehrerer Spitäler auf Temporärpersonal zeigt. Da die öffentliche Debatte überwiegend von interessengeleiteten Quellen geprägt ist, liefert eine theoriegeleitete, neutrale Analyse der tatsächlichen Mechanismen Spitälern, Pflegeteams und Verantwortlichen eine fundierte Entscheidungsgrundlage.
Ergebnisse: Die Vorbehalte gegen Temporärarbeit lassen sich nur unzureichend aus objektiven Qualitätsdefiziten erklären; sie entstehen vielmehr aus prozessualen Reibungen, erlebter Ungerechtigkeit und unterschiedlichen Deutungen. Entscheidend für das Gelingen ist nicht der Anstellungsstatus, sondern die Einsatzkontinuität und die Offenheit des Teams. Qualitätseinbussen sind meist strukturell und nicht personenbezogen bedingt, und gegenüber einer Unterbesetzung gilt der Temporäreinsatz als das kleinere Übel. Das verbreitete Kostenargument relativiert sich in einer Vollkostenbetrachtung. Über allem steht eine Divergenz zwischen tatsächlicher Wirkung, subjektiver Wahrnehmung und öffentlicher Kommunikation.
Implikationen für Praktiker:innen
• Stammpersonal aufwerten und binden (Lohn, Wertschätzung, Work-Life-Balance), statt primär die Temporärarbeit zu beschränken.
• Einarbeitung professionalisieren: klinikspezifisches Handbuch, Checklisten, geregelte Zugänge und eine feste Ansprechperson.
• Einsatzkontinuität erhöhen durch interne Pools und feste Partnerschaften mit Vermittlern, sodass wiederkehrende, eingearbeitete Kräfte zum Einsatz kommen.
• Mitsprache bei der Dienstplanung ermöglichen und Temporärkräfte gezielt für unbeliebte Dienste einsetzen.
• Gleichbehandlung von Stamm- und Temporärpersonal fördern (gleiche Pausen, Vorzüge, Wertschätzung), um Fairness-Konflikte zu entschärfen.
Methoden: Die Arbeit ist als qualitative Fallstudie angelegt. Erhoben wurden elf leitfadengestützte Interviews, die bewusst maximal kontrastiert wurden: über drei Qualifikationsstufen der Pflege (Pflegehilfe, Fachperson Gesundheit, diplomierte Pflegefachperson) jeweils mit und ohne eigene Temporärerfahrung sowie ergänzend die Pflegedirektion, eine Stationsleitung, die ärztliche Sicht, die Anästhesiepflege und ein Personalverleih-Experte. Die Auswertung erfolgte mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring mit insgesamt 316 Kodierungen. Als analytischer Rahmen diente das Donabedian-Modell (Struktur–Prozess–Ergebnis), ergänzt um die Transaktionskostentheorie, das Core-Periphery-Modell und eine Fairness-Perspektive. Eine unabhängige Re-Analyse sicherte die Robustheit der Befunde.